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“Wer die Gefahr kennt, hat Respekt vor ihr” |

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Jürgen Wehlus steht für die vielen Männer in Uniform, die jederzeit bereit stehen müssen Mit bis zu 120 Einsätzen pro Jahr stellt das Ehrenamt kaum irgendwo ein solch hohe Belastung dar, wie bei der Freiwilligen Feuerwehr. Auch die Risiken sind beträchtlich. VON RALF JOHNEN BONN – Samstagmorgen, 3.30 Uhr: Ein penetranter Ton durchdringt das Schlafzimmer. Der Wecker? Kann nicht sein, der ist am Wochenende abgeschaltet. Nach einigen Sekunden dämmt es Jürgen Wehlus dass es der Pieper ist. Sofort weiß er, dass es mit der Nachtruhe vorbei ist: "Es brennt. Ich muss raus." Bereitschaftsdienst, Alltag für die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Wann immer im erweiterten Stadtzentrum die Alarmglocken läuten, rücken die Mannen des Löschzuges Bonn Innenstadt aus, um der Berufsfeuerwehr zur Seite zu stehen. Egal, ob ein Dachstuhl Feuer gefangen hat, ein Verwaltungsgebäude brennt oder die Flammen unter freiem Himmel wüten - ungefährlich geht es dabei selten zu. |

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Manchmal sind die Grenzen des Kalkulierbaren auch für erfahrene Brandmeister schwer einzuschätzen. Doch die Entbehrungen treffen nicht nur die Männer in Uniform. Auch bei der Lebenspartnerin bleibt der nächtliche Aufbruch nicht unbemerkt. Und oftmals kehrt der Schlaf erst dann wieder zurück, wenn sich auch der Flammenbändiger wieder in die Federn kuschelt. Nicht weniger schmerzhaft ist der Gesichtsausdruck des Sohnemanns, den Papa vor Augen hat, wenn er am Samstagnachmittag mal wieder den Schutzmantel überstreift, statt den Junior beim Fußball anzufeuern. "Ob ich mich manchmal frage, warum ich das alles überhaupt auf mich nehme?" Jürgen Wehlus braucht nicht lange nachzudenken, "Natürlich, häufig sogar." Wehlus ist Einsatzleiter im Bereich Innenstadt und zugleich ranghöchster Mann der Freiwilligen Feuerwehr Bonns. Und als solcher weiß er: "Mit jeder Beförderung nimmt die Freizeit ab." In diametral entgegen gesetztem Verhältnis steigt jedoch die Verantwortung. Trotzdem rückt Wehlus, der im "richtigen Leben" Referent der Geschäftsführung in einem Verband ist, seit 1970 immer dann aus, wenn er gebraucht wird. Gekommen ist er zur Feuerwehr, weil er als 18-Jähriger nicht zur Bundeswehr gehen mochte. Stattdessen verpflichtete er sich für zehn Jahre zum Dienst am Löschschlauch. "Die kriegst du locker rum", erinnert er sich an seine jugendliche Gedankenwelt. "Inzwischen", ergänzt er, "sind daraus fast 32 Jahre geworden". Kein ungewöhnlicher Werdegang, sagt Wehlus, der zugleich Sprecher von über 500 Bonner Kollegen ist: "Wer die ersten zwei, drei Jahre gut findet, der bleibt eigentlich immer ein Leben lang dabei." Die Frage nach seiner persönlichen Motivation beantwortet der Routinier noch ehe sie gestellt wurde: Ganz selbstverständlich spricht er von seiner aufreibenden Tätigkeit als Hobby. Ein gefährliches, gewiss, aber damit lerne man über die Jahre umzugehen: "Wer die Gefahr kennt, hat Respekt davor, man kann das dann anders einschätzen." Und in brenzligen Situationen müsse man sich halt auf seinen Instinkt verlassen. Damit meint er: in Sekunden ber den Einsatz des eigenen Lebens und das der Kameraden zu entscheiden. Einzuschätzen, ob in der Nähe des Brandherdes Menschen in Gefahr sind und wenn ja, abzuwägen, ob eine realistische Chance auf Rettung besteht. Dabei gilt die Faustregel, dass die erfahrensten Männer in den vordersten Reihen agieren. Ob es eine angemessene Belohnung gibt? An dieser Stelle dauert es länger, bis die passenden Worte gefunden sind. Die kümmerlichen fünf Mark, die es pro Einsatz als Aufwandsentschädigung aus dem städtischen Haushalt gibt, nein, die können es wahrlich nicht sein. "Das", so Wehlus, "reicht gerade mal für die Reinigung der verqualmten Unterwäsche. Und unsere Getränke müssen wir selber mitbringen." Auch die Anerkennung in der Bevölkerung hält sich in Grenzen. Anders als auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, reagieren in den Großstädten viele Leute überrascht, wenn sie erfahren, dass es so etwas wie eine Freiwillige Feuerwehr überhaupt noch gibt. "Man hat sich offenbar daran gewöhnt, dass irgend jemand präsent ist", sagt Wehlus, "wer das dann im Endeffekt ist, interessiert kaum". Wenig bekannt sei auch, dass zum Beispiel ein Rheinhochwasser die Berufsfeuerwehr kaum betreffe. "Hier sind wir mit mehreren hundert Mann teilweise rund um die Uhr im Einsatz, um den Kollegen den Rücken für andere Einsätze frei zu halten." Aufrichtige Dankbarkeit erfahre man hingegen, wenn ein Einsatz so ausgeht, wie kürzlich erst in einem Wohnhaus Ecke Brüdergasse/Belderberg. Dort haben Kollegen zwei kleine Kinder vor den Flammen gerettet. "Wenn man dann nachher so ein Baby im Arm hat, sagt Wehlus, "ist man natürlich zu Recht stolz." Sein Blick verrät: That's what it is all about- darum geht es. Nicht alle Einsätze verlaufen gut. auch damit muss ein Feuerwehrmann leben. Blankes Entsetzen ereilte Wehlus und seine Kameraden, als sie tatenlos zusehen mussten, wie ihre New Yorker Kollegen in den Tod liefen. "Zuerst habe ich gar nicht so richtig realisiert, was da passiert." Der Schock, die Tatsache, dass ein solches Szenario in keinen Leitfaden vorkommt, weil es schlicht nicht vorstellbar ist. "Als dann aber der erste Turm einstürzte, war mir sofort klar, dass in den Trümmern Hunderte Kollegen sein müssen. Wenn in den oberen Stockwerken noch Menschen sind geht ein Feuerwehrmann da nicht raus." Mit dieser Unschuld scheint es für alle Male vorbei. Wehlus weiß, dass Rettungsmannschaften sich nunmehr auch in deutschen Städte auf ein solches "worst case scenario" vorbereiten. Aus seinem Gesicht spricht die Hoffnung, dass er und seine Kollegen nicht noch ein mal an einem spontan organisierten Trauergottesdienst teilnehmen. |
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Artikel des Rhein-Sieg-Anzeigers vom 16.11.2001 über die Freiwilligen Feuerwehren am Beispiel des Löschzugs Bonn-Mitte |
