Brandsicherheitsheitwachen – Großes Feuer und mächtig viel Theater

Szenenbild aus Irrelohe. Photo: Thilo Beu
Szenenbild aus Irrelohe. Photo: Thilo Beu

„Irrelohe! Es brennt!“ Ungläubig starren die Bewohner des kleinen Städtchens hoch zum gleichnamigen Schloss. Flammen schlagen aus allen Fenstern des alten Gemäuers; Rauch breitet sich in alle Richtungen aus und verdeckt den Himmel.

Anstatt in einem Inferno endet das Geschehen in tosendem Applaus. Der Brand von Schloss Irrelohe ist kein realer Einsatz, sondern das Schlussbild von Franz Schrekers selten aufgeführter und von Klaus Weise vortrefflich inszenierter Oper Irrelohe. Unbemerkt vom Publikum haben vier Feuerwehrleute die ganze Zeit das Geschehen genauestens verfolgt. Links und rechts der Bühne, in den so genannten Beleuchter-Schleusen, sitzen Feuerwehrmänner mit Löschgerät; bereit, im Fall der Fälle sofort einzugreifen. Unmittelbar links neben dem Schloss verfolgt der Wachführer der Feuerwehr mit dem Bühnenmeister und dem Pyrotechniker, versteckt hinter einer Kulisse, das Geschehen aus direkter Nähe. Zwei Etagen höher, auf der Empore der Lichttechnik, achtet ein vierter Feuerwehrmann darauf, dass keine Bühnenteile über dem brennenden Schloss Feuer fangen.

Rund 500 Brandsicherheitswachen im Jahr werden von den Löscheinheiten der Freiwilligen Feuerwehr Bonn im Wechsel durchgeführt. Etwa 50 davon entfallen auf die Kameraden der Löscheinheit Bonn-Mitte. Brandsicherheitswachen bei öffentlichen Aufführungen, Festen oder Sportveranstaltungen sind Teil des vorbeugenden Brandschutzes. Gesetzlich geregelt sind sie in der 2009 verabschiedeten Sonderbauverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen (SBauVO). Sie bestimmt, dass bei jeder Veranstaltung mit erhöhter Brandgefahr, bei Großbühnen oder Szenenflächen mit mehr als 200m² eine Brandsicherheitswache der Feuerwehr anwesend sein muss. Zu den Veranstaltungsorten, an denen die Löscheinheit Bonn-Mitte regelmäßig Dienst verrichtet, gehört das Opernhaus, die Werkstattbühne, die Schauspielhalle Beuel und die Beethovenhalle. Hinzu kommen vereinzelt Dienste im Sportpark Nord, im neuen Plenarsaal (WCCB), bei „Rhein in Flammen“ oder verschiedenen Studentenfeten.

BSHW 50. Uni-Geburtstag

Die ersten Brandsicherheitswachen in Bonn bei geplanten Veranstaltungen wurden beim 50. Geburtstag der Universität im August 1868 durchgeführt. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten auch Berufsfeuerwehrleute die Gelegenheit, in ihrer freien Zeit an Brandsicherheitswachen teilzunehmen. Später übernahmen Berufsfeuerwehrmänner während der Dienstzeit die Aufgabe des Wachführers, die freiwilligen Feuerwehrleute waren diesen unterstellt. Seit dem Sommer 2002
werden mit wenigen Ausnahmen wieder alle Brandsicherheitswachen ausschließlich von den „Ehrenamtlern“ durchgeführt.

Der Ablauf einer Brandsicherheitswache ist standardisiert. Bevor es zum Beispiel zu einer Aufführung in der Oper Bonn kommt, hat die Brandsicherheitswache schon eine halbe Stunde vorher ihren Dienst begonnen. Vor dem Betreten des Hauses hat sich der Wachführer ein Bild von der Umgebung gemacht. Sind alle Zufahrtswege für nachrückende Feuerwehrkräfte und Rettungswagen frei? Werden Notausgänge blockiert? An der Pförtnerloge befindet sich die Brandmeldeanlage. Mit ihren im ganzen Haus angebrachten Sensoren und Druckknopfmeldern soll sie im Brandfall automatisch die Feuerwehr alarmieren. Um sicher zu gehen, dass alles funktioniert führt der Wachführer in Absprache mit der Feuerwehrleitstelle einen Probealarm durch. Im Keller der Oper befindet sich ein kleiner Raum für die Feuerwehr, wo die Feuerwehrausrüstung und die Abnahmeprotokolle aufbewahrt werden. Aus ihnen kann der Wachführer genau entnehmen, welche besonderen szenischen und pyrotechnischen Effekte ihn bei der Vorstellung erwarten. Jedes Detail wurde im Vorfeld genau mit der Abteilung „Vorbeugender Brandschutz“ der Feuerwehr Bonn abgestimmt und genehmigt. Mit der Ausrüstung geht es zwei Etagen hoch zur Bühne, dem Herzstück der Oper. Dort werden sie vom Bühnenmeister in Empfang genommen. Während die letzten wichtigen Punkte besprochen werden, wird der eiserne Vorhang probeweise nach unten gefahren.Der eiserne Vorhang, der nur durch sein Eigengewicht nach unten fährt, dient als Rauch- und Feuerschutzabschluss zum Schutz des Publikums, sollte es auf der Bühne zu einem Feuer kommen. Bautechnisch gesehen ermöglicht er die Einteilung von Bühne und Zuschauerraum in zwei getrennte Brandabschnitte, das ein Übergreifen des Feuers in einen anderen Brandabschnitt verhindern soll. Aus diesem Grund wird der eiserne Vorhang nur während der Veranstaltung nach oben gefahren. Nach einem Blick auf die brandschutztechnischen Einrichtungen mischen sich die Feuerwehrleute kurz im Foyer unter das Publikum. Wie viele Gäste sind anwesend? Wie hoch ist der Altersschnitt? Sind Gäste mit Rollstühlen oder Rollatoren darunter? Wichtige Erkenntnisse, die im Fall einer Räumung zum Tragen kämen. Die Feuerwehr trägt bewusst ihre festlichen Ausgeh-Uniformen; man hält sich diskret im Hintergrund auf. Niemand soll durch die Anwesenheit der Feuerwehr verunsichert werden – im Gegenteil.

Im Normalfall wird die Brandsicherheitswache im großen Haus der Oper Bonn von drei Feuerwehr-Mitgliedern durchgeführt. Während der Aufführung kann der Wachführer im kleinen Vorraum rechts neben der Bühne die Maßnahmen der Bühnentechniker, der Requisite und der Künstler verfolgen. Über eine kleine Lampe wird er zusätzlich darüber informiert, sollte ein Feueralarm bei der Brandmeldeanlage aufgelaufen sein.

Alle Maßnahmen sollen verhindern, dass sich eine ähnliche Katastrophe wie im Wiener Ringtheater wiederholt. Am 8. Dezember 1881 war es kurz vor der Aufführung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ im Bereich hinter der Bühne zu einer kleineren Gasexplosion gekommen. Das entstandene Feuer sprang auf die Prospektzüge über, bevor es sich rasch auf der Bühne und im bereits gut gefüllten Publikumssaal ausbreitete. Ohne funktionierende Notbeleuchtung und mit nach innen zu öffnenden Fluchttüren hatte das in Panik geratene Publikum nahezu keine Chance, dem Inferno zu entkommen. Aufgrund einer Fehleinschätzung der Lage hielt die Polizei im Theatervorraum Helfer mit dem Hinweis „Alles gerettet!“ von weiteren Rettungsversuchen ab. Am Ende zählten offizielle Stellen mindestens 384 Tote.

Das Feuer im Ringtheater hat weltweit für zahlreiche Verbesserungen im Bereich der Sicherheit von Versammlungsstätten gesorgt. Dennoch sind auch die Bonner Spielstätten – außerhalb des Spielbetriebs – im Laufe der Zeit nicht von Unglücksfällen verschont geblieben: Im Sommer 1985 zerstörte ein Feuer Teile der Beethovenhalle, nachdem ein Obdachloser nachts zahlreiche Kerzen im Zuschauerraum entzündet hatte. Im Juni 2002 stand das Stuhllager des Beueler Brückenforums in Brand, nachdem zuvor im Festsaal eine Abiturfeier stattgefunden hatte. In beiden Fällen waren die Spielstätten für Monate nicht benutzbar. Dachdeckerarbeiten im August 2004 sorgten schließlich für einen Großbrand unter der Aluminiumfassade der Bonner Oper. Zum Glück war der Schaden eher kosmetischer Natur; der Spielbetrieb konnte ungehindert weitergehen.

Im Städtchen Irrelohe ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt. Das Feuer im Schloss ist aus. Die Feuerwehr führt einen letzten Kontrollgang durch. Nach einem kurzen Meinungsaustausch und kleineren Formalitäten wird die Verantwortung für die Oper wieder an den Bühnenmeister übergeben. Am kommenden Wochenende wird die Brandsicherheitswache von der Löscheinheit Endenich vor Ort sein. Denn kein Feuer ist für die Feuerwehr so gut planbar wie das in Schloss Irrelohe.

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